Treffen vom 11. bis 14. 9. 2012 in Aachen | |
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Unser Treffen in Aachen war ein voller Erfolg. Die von Brad und Kaschi hervorragend organisierten Führungen trugen dazu bei. Bevor wir in den Dom gingen war ich noch in einem Buchladen und sah mir ein neues großes Werk über die Musik des Mittelalters an. Doch zwei Stichworte suchte ich vergebens „Ars nova“ und „Philippe de Vitry“. Das beschäftigte mich sehr, so dass ich vergaß, den Führer durch den Dom, nach der Orgel zu fragen. Warum ? Weil Karl der Große für die Orgelverbreitung eine bedeutende Rolle spielte. Ob das Instrument gleich spielbar war, oder durch die lange Reise gelitten hatte, ist nicht überliefert. Aber Karl war allen Dingen gegenüber sehr aufgeschlossen und wissbegierig. Also bestellt er (oder sein 3. Sohn) sich den Priester Georg von Venedig, der als Kenner der antiken Orgeln bekannt war, nach Aachen. Georg wird die Orgel spielbar gemacht haben und hat sie dann auch kopiert. Die Musik hatte im Altertum alle anderen Künste an Wertschätzung überflügelt. In Griechenland war die Musik der tragende Pfeiler der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung geworden. Die Auswirkungen dieser Anschauungen sind im gesamten Mittelmeerraum und auch im römischen Reich noch nachweisbar. In dem Fortleben der antiken Instrumentalpraxis sahen dann auch die ersten Christen die stärkste Bindung an heidnische Traditionen. Sie suchten zur Rechtfertigung der Kirchenmusik Hinweise aus dem Neuen Testament. In ihm wird die Gemeinde Christi als singende Gemeinde in der Tradition der Synagoge beschrieben. Deshalb wurde von ihnen die Instrumentalmusik als teuflisches Blendwerk hingestellt und die Gläubigen aufgefordert, Gott in rein geistiger Form allein mit Gesang zu verehren. Dabei hätte sich die Instrumentalmusik durch das Alte Testament und durch die Psalmen rechtfertigen lassen, wie es auch später geschah. Doch anfänglich ging es der Kirche darum, die Menschen aus dem Bannkreis der Götterkulte zu befreien und da erschien ihr das Instrumentalspiel als lautstarker Beweis für das Fortleben alter Gewohnheiten. Die Kirchenväter, die Kirche und der Papst hatten es dann geschafft, Musikinstrumente Jahrhunderte aus dem Gotteshaus fernzuhalten. Johannes Chrysostomus (339 – 397) erachtete einen Menschen, der ein Musikinstrument spielen kann, geringer als ein Hund. So ein Mensch sei weniger Wert als ein räudiger Hund. Im Mittelalter kulturelle Neuheiten einzuführen gelang nur mächtigen Persönlichkeiten, die den Mut und die Kraft hatten, sich gegen die Kirche durchzusetzen. So auch beim Wandel der Musik.
Ars nova In Meaux, bei Paris, lebte der Bischof Phillipe de Vitry, der um 1320 ein Traktat herausgab: „Ars nova“. Das Werk bezog sich auf eine neue Musikkunst. Erst mal eine neue Art der Notation von Musik, dann ein Übergewicht der weltlichen Musik über die geistliche, ausschließlich Geltung der Mehrstimmigkeit, Musik als autonomes Kunstwerk befreit von geistlicher Bevormundung, Kunstförmigkeiten der Rhythmisierung usw. Text aus der Bulle: „Es ist Teufelswerk und eine Verführung des Satans zur Weltlust“. Er galt als der hervorragendste Intellektuelle seiner Zeit, als mathematisches und philosophisches Genie. Seine großen Kompositionen waren keine geistlichen Zweckwerke alter Art mehr. Er verhielt sich wie ein autonomer Künstler der Klassik und gilt heute als größter französische Komponist des 14. Jahrhunderts neben G. de Machaut. Die päpstliche Bulle interessierte ihn nicht. Selbst ein neues Edikt, 2 Jahre später, gegen die „Ars nova“ vom Papst fürs christliche Abendland erlassen, berührte ihn überhaupt nicht. Hinzu kam, dass alle Komponisten, die Vitrys „Wandel der Musik zur Wirklichkeit“ folgten, keine Konflikte zwischen ihrem Schaffen und ihrem Glauben empfanden, weil die Weichenstellung zur „Ars nova“ ja von einem Bischof befürwortet wurde und somit von der Kirche kam. Ob wir heute die abendländische Musik in der Art von Bach, Beethoven und allen anderen, einschließlich Rock und Pop, ohne de Vitrys „Ars nova“ hätten, bleibt eine Frage, denn hätte sich die Kirche nach Willen des Papstes durchgesetzt, wäre die Entwicklung zu der dynamischen Musikkultur, wie wir sie in Europa haben, bestimmt erst sehr viele Jahrzehnte später zum Durchbruch gekommen. Mit „Ars nova“ wird in der Musikgeschichte heute eine mehr als hundertjährige Epoche bezeichnet. Er konnte es kaum glauben und meinte wehmütig: „In Meaux kennt keiner Philippe de Vitry. Wir haben weder ein Denkmal, noch eine Gedenktafel, ja nicht einmal eine Straße mit seinem Namen gibt es in Meaux. Dabei war er einer der größten Söhne der Stadt“. Er war aber erfreut, dass das „Bergische Ensemble für Alte Musik“ in mehreren hundert Konterten, in der BRD und Westeuropa, einschließlich in den Schlössern an der Loire, de Vitry wieder belebt hatten. Auf diesem Bild des „Bergischen Ensemble für Alte Musik“, ist ein Portativ, eine tragbare Orgel, ähnlich wie sie Pippin und Kaiser Karl aus Byzanz erhielten, zu sehen. Das Portativ wurde bis zur Barockzeit unter anderem in Prozessionen eingesetzt.
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